1972 war das Jahr der ausklingenden bemannten amerikanischen Monderoberung. Die Amis waren seit 1969 mehrmals auf dem Mond gelandet. Lediglich bei “Apollo 13” sah es nach gescheiterter Mission brenzlig aus. Nur durch eine gehörige Portion Glück und Technik-Vertrauen schaffte es die Crew zumindest zurück auf die Erde.

Deren Einzelfehlschlag vom April 1970 wurde während meines NVA-Politunterrichts gewaltig ausgeschlachtet. So geschah es sofort im Mai 1970 nach meinem Einrücken. Nur die sowjetischen Flieger wurden während des kalten Krieges über den grünen Klee gelobt.

So wurde im Februar 1971 die geglückte Mondlandung der Amerikaner Shepard und Mitchel mit keinem Wort durch unseren Politoffizier, den Unterfeldwebel G. aus Aschersleben, gewürdigt.

Im Gegenteil, es wurde erst wieder beim Start der “Sojus 11” Kapsel gejubelt, weil die nun zur Raumstation Saljut flog. Doch dann tiefe Betroffenheit nach deren tragischer Landung. Die drei Kosmonauten kamen dabei am 29. Juni 1971 um.

Da bekam das Weltbild der Offizierskaste Kratzer …

Wesentlich beeindruckender waren nun mal für uns alle die geglückten Mondlandungen.

Kanadier

Genau in dieser Zeit schickte sich mein ältester und einziger, in Kanada lebender, Cousin an, uns hier im Osten, mit SEINEN Fußabdrücken zu beglücken …

Als gebürtiger Quedlinburger kam im Sommer 1972, nun schon 28-jährig und inzwischen 5 Jahre mit Sharon verheiratet, Karlo aus Calgary, Kanada. Wir sahen uns nun nach 17 langen Jahren erstmals wieder.

Die Beiden hatten eine strenge argwöhnische Grenzkontrolle in Marienborn hinter sich.

Nach all der für sie ungewohnten Aufregung, der psychischen Belastung durch ihre Grenzüberquerung mit scharfer penibler DDR-Einreisekontrolle, mit Spiegelkontrolle unter dem von seinem Cousin Erhard geborgten “Renault R 4”, und einigen um sie schleichenden, scharfen schnüffelnden Hunden, hofften sie jetzt auf eine ruhige friedvolle Nacht …

Doch weit gefehlt, schon in ihrer ersten DDR-Nacht wurden sie jäh aus dem Schlaf gerissen!

“Die Russen kommen! Panzer-Panzer-Panzer!” – und das alles nachts halb zwei!

Die beiden Kanadier hatten noch nie einen echten uniformierten Russen, geschweige denn einen Panzer T34 gesehen. Das konnten sie nun erstmals im Leben, sogar aus der ersten Reihe, direkt aus unserem Wohnzimmerfenster, einem Logenplatz! In dem Punkt hatte ich ihnen was voraus! Dann das ewige, bedrohliche Rattern der Panzerketten, in der sonst absolut stillen Sommernacht, über das holprige Kopfsteinpflaster.

Beide waren kreidebleich und einem Infarkt nahe! Sie glaubten, der 3. Weltkrieg hätte soeben begonnen und sie stünden nun auf der falschen Seite.

Für uns aber war es “normaler” Quedlinburger Alltag. Sie jedoch konnten nicht wissen, dass die Panzer nach jeder Übung vom Güterbahnhof nach Quarmbeck fuhren und eben dann immer rücksichtslos durch die bewohnte Süderstadt, über den Husarenstieg und die Erwin-Baur-Straße, egal ob die Bewohner aus den Betten fallen oder nicht …

Trabant 600

Am Moorberg bestieg Karlo nächsten tags auf Geheiß meines Vaters unseren “Trabant” zu einer Probefahrt. Er fuhr voller Begeisterung etwa bis zur Lethturm-Warte kurz vor Gernrode und wieder zurück. Dann wurde er erwartungsvoll von meinem Vater nach absolvierten 10 km Probefahrt gefragt, wie es denn für ihn gewesen sei.

Karlo überlegte einen Moment, denn er wollte seinen Onkel ja nicht brüskieren, und sagte dann ganz ungerührt: “Fahren tut es, aber ein Auto ist das nicht!” Er äußerte sich ehrlich und wir hatten Bauchschmerzen vom Lachen …

Auch den beiden Kanadiern wurde nun unser “Kulturprogramm”, was wir bereits mit mehreren Besuchern erfolgreich abspulten, aufs Auge gedrückt:

Mehrere Schlösser, wie Quedlinburg und Wernigerode standen auf dem Programm. Wir waren gemeinsam auf dem Kyffhäuser, in allen verfügbaren Höhlen und, und, und …

Thale, Talstation

Als besonderer Leckerbissen war das Bodetal mit seiner neuesten Attraktion, der von den Tschechen gebauten, gerade 1970 übergebenen Seilbahn vorgesehen.

Wir liefen zur Talstation und trauten unseren Augen nicht. Menschenmassen standen Schlange bis weit vor das Gebäude. Alle wollten per Seilbahn zum Hexentanzplatz. Niemand wollte an diesem Tag mehr kraxelnd den Berg erklimmen. Wir machten uns schon mit dem Gedanken an eine lange Wartezeit vertraut. Kanadier sind da den DDR-Leuten sehr ähnlich. Auch die stehen wenn nötig ganz ruhig, noch disziplinierter als wir an, bis sie an der Reihe sind. Das ist eine wirkliche amerikanische Tugend!

Doch meine Mutter schwirrte kurz ins Gebäude und war wenige Augenblicke später schon wieder zurück, um uns zu holen. Karlo und Sharon war es höchst peinlich, an allen, nun teilweise meuternden Dastehenden vorbei zu schwadronieren. Meine Mutter erklärte uns alle kurzum zu einer ausländischen Delegation und stürmte als Erste die Treppen empor, zeigte oben am Kabineneinlass irgend einen Ausweis und schon saßen wir in den Gondeln.

Thale Seilbahn (Quelle)

Sie empfand ihre, sich selbst erteilten Privilegien, auch dieses Mal für politisch korrekt …

Um Tage später die DDR wieder verlassen zu dürfen, mussten die Kanadier sich erneut bei der Pass- und Meldestelle einfinden. Hier wurden 2 x 15.- DM (West), für ihre Ausreise-Visa fällig. Im Flur, in welchem etliche Bittsteller warteten, fragte mein Cousin hypothetisch, leicht provokant, was denn passieren würde, wenn er nichts bezahlt. Mein Vater sagte lachend, dass er dann für immer hier bleiben müsste …! Das hörend, haben dann etliche Wartende mitgelacht.

Zu einem Familienfest bei meinen Großeltern, viele Monate später, meinte mein Onkel Herbert plötzlich und ganz unvermittelt, mein Vater solle nicht wieder so dummes Zeug, wie in der Meldestelle, von sich geben. Da waren wir beiden platt. Die allgegenwärtige Staatssicherheit gab innerhalb der Familie indirekt zu, dass wir in der Meldestelle überwacht wurden. Die kannten jedes von uns gesprochene Wort.

Man kann es drehen wie man will, die DDR war ein Überwachungs-Staat, der aber dennoch nie hätte bankrott gehen müssen, wenn beispielsweise all die Lauscher und Horcher auch ehrlich gearbeitet hätten. Was wären da für Werte geschaffen worden. Ohne Angst und Misstrauen innerhalb der Bevölkerung! Statt dessen haben sie Menschen terrorisiert, den Staat sinnlos Geld gekostet, und diesen maßgeblich mit kaputt gemacht. Die Führungsriege und die Staatssicherheit haben den kläglichen Untergang, 17 Jahre später, im Besonderen zu verantworten.

Intershop (Quelle)

Vor Karlos Abreise steckten er oder Sharon als “Dankeschön” 200.- DM diskret in eines unserer Zahnputzgläser. Die fanden wir allerdings erst abends, nach ihrer Abreise. Wir alle freuten uns über den großen unverhofften Westgeld-Regen. Unsere Mutter bestimmte sofort, dass sie als Eltern 150.- DM behalten und meine Schwester und ich je 25.- DM bekommen, um im “Intershop” einkaufen zu können. (Karlo hatte damals jedoch jedem von uns 50.- DM zugedacht, wie ich später einmal eher beiläufig von ihm erfuhr, denn meine Schwester war 17 Jahre und ich 21, aber egal.)

Forumscheck (Quelle)

Mit westlichen Waren schöpfte im “Intershop” die DDR das in Pivatbesitz befindliche Westgeld ab. Ab 1979 war es dann DDR-Bürgern verboten, frei konvertierbare Devisen zu besitzen, nur der Besitz von “Forumschecks” war erlaubt. Hintergrund: Der Staat konnte so schnell westliche Valuten abschöpfen. Also wurden die geschenkten DM in einer Staatsbank-Filiale eingewechselt. Ein Rücktausch war nicht möglich. So kaufte man im “Intershop” ein, erhielt als Wechselgeld aber wieder Forumschecks. Kleinere Beträge als 50 Forumscheck-Pfennige wurden als Kaugummi, Lutscher o.ä. erstattet.

Ich würde mir also bald irgend einen schönen Wunsch für 25.- DM erfüllen können …

Schon wenige Tage später brachte meine Mutter jedoch einen kurzärmeligen Strickpullover, angeblich aus dem “Intershop”, mit. Ich wurde aufgefordert diesen anzuprobieren. Er passte zwar, gefiel mir aber nicht sonderlich. “Den behältst Du, der steht dir”, wurde bestimmt, wie schon so oft.

Dann verlangte sie von mir die 25.- DM zurück, denn die Klamotte hätte etwa 23.- DM gekostet, und mit dem kleinen Rest könne ich ohnehin nichts mehr anfangen. Das war mehr als dreist! Ich war 21 Jahre alt, wurde aber immer noch dumm behandelt.

Was dachte sich wohl meine Mutter dabei … ich war da bereits in dem Alter, in dem sie sich einst anschickte Bürgermeisterin zu werden.