Carlo im FS

Am 22. Mai 1979, zu Sohnemann Carlos 5. Geburtstag durften wir uns in Quedlinburg einen Farbfernseher “Chromat” im RFT-Geschäft abholen. Nur weil wir die Kaufunterlagen heute noch haben, konnte dieser Tag von mir noch genau bestimmt werden. Dieser außerplanmäßige Kauf hatte eine kuriose Vorgeschichte …

Oma Wolf besaß schon solch einen Fernseher. Der hatte nur Secam-Empfang. Das ist ein französisches Verfahren, um Farbe zu empfangen. Dieses System hatte die DDR auch für sich auserkoren. Die alte BRD sah alles, wie heute noch immer, durch ihr PAL-System farbig. Ossis konnten zwar weiter Westen empfangen, aber dadurch eben nur in herkömmlichen schwarz/weiß-Bildern.

Etwa 10 % dieser Fernseher wurden nun seit geraumer Zeit mit beiden Systemen ausstaffiert. Logisch bei nur einem einzigen Hersteller, dass große Begehrlichkeit DDR-weit auf die Fernseher bestand. Die waren wie fast alles schlichtweg Mangelware.

Reimonde hatte jedoch in ihrer PGH-Rundfunk in Gernrode vorsorglich 2 PAL- Einschübe für je 613.- Ostmark gekauft. Dort versorgten sich erstmal alle Kollegen selbst mit den begehrten Teilen, ehe je etwas in den Verkauf gelang. Logisch!

Einen Einschub bekam die Oma, der andere war für unseren Fernseher, den wir noch nicht einmal besaßen, vorgesehen.

Ich schrieb also einen “roten” Brief an den Genossen G., der im Rat des Kreises die miserable Versorgung organisierte. Der sinngemäße Wortlaut:

“… ich bin kein notorischer Meckerer, nein, ich bin ein Genosse, der seinen Fernseher erst erhalten möchte, wenn er an der Reihe ist. Allerdings bitte ich darum, dass er (Genosse G.) veranlasst, dass in der Verkaufsstelle Wartelisten geführt werden, damit ich mich eintragen kann, denn ich möchte nicht meinen ganzen Jahresurlaub für das Schlange-Stehen vergeuden. Mit sozialistischem Gruß, Volker Zottmann”.

In Gedanken ballte ich noch meine Faust, aber nicht zum Arbeitergruß!

Übrigens: Wie man sozialistisch grüßt, weiß ich bis heute nicht. Weiß wohl niemand. Das war genauso eine blöde Floskel wie “Heil Hitler”. (Nein, stimmt nicht, da wusste ein jeder, wie zu grüßen war.)

Sehr schnell tat sich was …

Zum Mittagessen bei Plastopack saß meist der Technische Direktor Karl-Heinz H. mit an unserem Vierer-Tisch. Ein feiner Kerl. Der griente mich unvermittelt blöd an und fragte dann amüsiert: “Mensch Zottmann, was haste denn nun schon wieder für Scheiße gebaut? Wegen dir darf ich jetzt eine Beurteilung anfertigen. Verlangen die beim Rat des Kreises!”

Das tat er dann wohl, denn ich hatte wenige Tage später vom Genossen G. eine positive Mitteilung in der Post: “… teile Ihnen mit, dass Sie auf Grund ihrer hervorragenden Leistungen im VEB Plastopack, einen Farbfernseher “Chromat” in der Verkaufsstelle außerplanmäßig … erhalten.”

Mit welchem Quatsch sich die DDR so beschäftigte, kein Wunder, dass es nie vorwärts ging!

Volker´79

Hurra! Nun rief ich den Rundfunkladen an, und fragte nach dem Abholtermin. Das geschah bewusst inszeniert, direkt zur Kaffeepause im Lohnbüro. Extra, beabsichtigt, denn alle sollten schön mithören. Ich will nicht verhehlen, dass mir solch kleine Auftritte liegen und größte Freude bereiten …

Der Verkaufsstellenleiter wollte mir nun klar machen, dass die PAL-SECAM-Geräte rar sind, und nicht jeden Tag verfügbar. Ich hatte aber ohnehin nur am SECAM-Gerät Interesse, denn das PAL-Teil lag ja schon zu Hause. Ich fragte den Verkäufer nun ganz “unwissend”, was denn PAL überhaupt bedeutet. Der stammelte ob der blöden Frage gleich los: “Also, damit können sie den Westen in Farbe sehen.”

“Was?” entgegnete ich völlig entsetzt, “ich will den Klassenfeind nicht sehen, was unterstellen sie mir da, mir reicht unser DDR-Fernsehfunk vollkommen!” So etwas Blödes hatte der wohl nie zuvor gehört. Da hat Einer quasi den Bezugsschein in der Tasche und will dann nur Osten sehen?

Den einfacheren SECAM-Fernseher konnten die mir dann komischer Weise sofort verkaufen.

Im Lohnbüro haben sich alle über mich kaputt gelacht. Auch die Staatssicherheit, wie ich heute weiß.

Abends sind wir dann in Quedlinburg vorstellig geworden. Als ich meinen Namen sagte, kamen die übrigen Verkäuferinnen alle in den Verkaufsraum vor, um diesen “bekloppten roten Blödmann” zu sehen. Ich kann nicht nur dumm tun, ich kann auch so aussehen!

Die haben wir aber nie aufgeklärt. Wir bezahlten unsere 3.500.- Mark und zogen von dannen, um dieses hochwertige Konsumgut am nächsten Tag nochmals nach Quedlinburg zu fahren und zu wandeln.

Der neue Fernseher funktionierte, hatte aber ein total grün-stichiges Bild, hab ich mir sagen lassen. Nur gut, denn einen rot-stichigen hätte mir der Laden mit dieser Vorgeschichte sicher nie getauscht. ;)

Am 23. Mai wurde dann das PAL-Teil ins Austauschmodell eingeschoben und wir sahen farbig was wir wollten …

wir´80

Am 19.08.1980 lief mir unser 6-jähriger Carlo bis in die Altstoffannahmestelle im alten, später abgebrannten Gaswerk am Fischerberg nach und eröffnete mir: “Papa, Papa schnell! Du sollst nach Hause kommen, bei Mama ist so’ne Blase geplatzt …”

Ich war wohl in 2 Minuten vor Ort und dann ging es mit gut 100 km/h durch Königerode nach Wippra – aber Claudia hat noch gewartet, bis ca. 21:30 Uhr ihr Auftritt kam.

Nun endlich waren wir nach mehreren Versuchen wunschgemäß zu viert und so sollte es auch bleiben. Weiterer Familienzuwachs beschränkte sich später auf unseren Hund “Cardo”, dann Kater “Tigger” und noch später Katze “Lilly”.

Mit meinem schon erwähnten Kollegen Rudi habe ich bei Plastopack und im Wegehaus, welches Rudi hauptamtlich betreute, öfters ergiebige tiefgreifende, wunderbare Gespräche geführt.

Es ist unvorstellbar, was Rudi damals bereits für philosophische Lebensweisheiten mit sich rumtrug. Dieser hat in seinem Leben außer seiner Vertreibung aus Böhmen schon viel mitgemacht und mehr Lebenserfahrung als manch Anderer sammeln müssen.

Er hat mir Mitte der 1980-er Jahre bereits den baldigen Zusammenbruch und unser gemeinsames weltoffenes Deutschland vorausgesagt: “Nichts bleibt so wie es ist. Du wirst es noch erleben Volker, dass auch L’s ihren Betrieb zurück bekommen. Kein System hält ewig …”

Alles was Rudi prophezeite ist zu 100 Prozent eingetreten. Und was mich heute am meisten freut: Wir brauchten nicht mehr lange warten und haben es gemeinsam erlebt!

Dem Rudi habe ich zu verdanken, dass ich für meine Existenzgründung 1984 die nötigen Holzbalken für die Garagen erhielt. Die gebrauchten Hölzer bekam ich von ihm geschenkt. Ja, auch so liebe Kollegen, und noch dazu so uneigennützige, gab es!

Am 14. Februar 1983 starb Oma Wolf. In ihren zwei letzten Lebensjahren ist sie sehr altersstarrsinnig geworden. Ihre schwer zu steuernden grundlosen Bösartigkeiten richteten sich fast ausnahmslos gegen Reimonde und gipfelten sehr oft in bösesten Beschimpfungen, auch im Beisein unserer damals noch kleinen Kinder.

Wir hatten uns deshalb an die SED-Kreisleitung gewandt und dargelegt, dass, und warum wir die freiwillige unentgeltliche Betreuung unter diesen Bedingungen nicht länger, besonders aus Rücksicht auf unsere eigenen Kinder, fortsetzen können.

Der Genossin Elise Wolf wurde daraufhin in ihren letzten Lebensmonaten eine uns bis dato unbekannte Harzgeröderin zur Seite gestellt. Diese hat es verstanden, statt Hilfe zu leisten, innerhalb kürzester Zeit sich selbst, notariell beglaubigt, als Universalerbe einsetzen zu lassen. Die SED- und VVN-Betrauten duldeten dies!

Gut, dass bereits Haus und Auto auf Reimonde umgeschrieben waren …

Nach Omas Tod wollten wir logischer Weise ihre Beisetzung und Trauerfeier ausrichten. Dies wurde uns von SED- und VVN-Seite jedoch strengstens untersagt. Die “Feier” wurde zum Politikum und vollständig von der SED organisiert und überwacht. Uns wurde lediglich gestattet, an der Urnenbeisetzung teilzunehmen. Mehr nicht! Wir wurden von Seiten der SED-Kreisleitung ab sofort wie Aussätzige, wie unerwünschte Personen behandelt.

Dass wir fast 10 Jahre die Betreuung “ihrer” Genossin übernahmen und Reimondes Eltern zuvor viele Jahre sich sorgten, spielte keine Rolle …

Grabstein

Selbst mehrere Blöcke Blattgold, von ihrem Neffen für den Grabstein aus dem Westen mitgebracht, gehörten nun zur Erbmasse und wurden von Frau X zweckentfremdet und SED-geduldet unterschlagen. Der bereits vorhandene Grabstein wurde damit nie vervollständigt. Bis heute, 27 Jahre später, steht über all die Jahre der halbfertige VVN-Grabstein, einem Denkmal gleich, im rechten Eingangsbereich des städtischen Harzgeröder Friedhofes als beredter Beweis meiner Ausführungen.

Meine Eltern erschienen übrigens auch zu dieser Beisetzung nicht!

Im VEB Plastopack hatte ich jedoch erstmal eine Runde Sekt auszugeben, wollte ich mein Gesicht wahren. Denn über den Zank und die Zwistigkeiten im letzten Jahr mit Oma Wolf habe ich zuvor mal lauthals verkündet, einen auszugeben, sobald sie eines Tages Flügel bekommt.

Das tat ich nun. Bezahlt mit meinem Geld, denn das Erbe von vorhandenen reichlich 16.000.- Mark war für uns nun entschwunden … Ade!

Mit von der Partie war unsere komplette traute Kaffeerunde. Auch Frau Jürgensen und Frau Svoboda, beide bereits betagte Damen, tranken nach meinen Erläuterungen mit. Erst fühlten sie sich ob des geschmacklosen Anlasses brüskiert, doch als ich entgegnete, mein Glas zu erheben, in der Freude, dass unsere Kinder von nun an in ruhigeren Zeiten aufwachsen können, leerten auch sie ihre Becher … (und ich erwähnte es schon, Omas umgarnen kann ich).

Selbst von meiner Mutter und anderen Verwandten wurden wir gedrängt, gegen diese Erbschleicherei der Frau X gerichtlich vorzugehen. Doch das war nicht unser Ding. Die endlich erlangte Ruhe erschien uns wichtiger! Im Rückblick war das auch gut so, Geld ist nicht alles …